Zilli Schmidt im RomnoKher. Foto: VDSR-BW/Markus Mertens
Zilli Schmidt im RomnoKher. Foto: VDSR-BW/Markus Mertens
Jahrhundertzeugin und Widerstandskämpferin
Jahrhundertzeugin und Widerstandskämpferin
Zilli Schmidt wird 97
Zilli Schmidt wird 97

Es war der bedeu­tends­te Augen­blick in unse­rem Kul­tur­haus Rom­noK­her im ver­gan­ge­nen Jahr – unser Abend für Zil­li Schmidt, die Vor­füh­rung eines Films über ihr Leben und die unver­gess­li­che Lesung aus ihrem Lebens­buch „Gott hat mit mir etwas vor­ge­habt!“ Erin­ne­run­gen einer Deut­schen Sin­te­za. Wer ihr begeg­net ist, wird die­ses Erleb­nis nie wie­der vergessen.

Zil­li Schmidt hat den Völ­ker­mord über­lebt, sie hat Ausch­witz über­lebt. Sie ist eine Jahr­hun­dert­zeu­gin und eine gro­ße Wider­stands­kämp­fe­rin gegen den Natio­nal­so­zia­lis­mus. Flucht, Täu­schung der Mör­der, Hil­fe für ihre Fami­lie und vie­le ande­re, all das waren Akte des Wider­stands. Auch über den Kampf um Aner­ken­nung und Erin­ne­rung nach 1945 hat sie Zeug­nis abge­legt. Vor Gericht hat sie gegen Täter des Holo­caust aus­ge­sagt. Zugleich hat sie auch von die­ser ande­ren Geschich­te vor dem Völ­ker­mord Zeug­nis abge­legt, von der gemein­sa­men Geschich­te von Deut­schen, die Sin­ti waren, und Deut­schen, die kei­ne Sin­ti waren, von Freund­schaf­ten, von dem Wan­der­ki­no und dem Lanz Bull­dogg, mit dem ihre Fami­lie die Mas­sen­kom­mu­ni­ka­ti­ons­ge­sell­schaft der Moder­ne in die deut­schen Dör­fer brach­te. Und sie liebt es bis heu­te, jun­gen Men­schen von der Kul­tur und Geschich­te der Sin­ti zu erzäh­len und ihnen Mut zu machen, gegen Unter­drü­ckung und Hass auf­zu­ste­hen. Im ver­gan­ge­nen Jahr saß sie für einen Work­shop des Foto­gra­fen Lui­gi Tos­ca­no Por­trät und ließ sich dabei von jun­gen Men­schen interviewen.

Die Jahr­hun­dert­zeu­gin Zil­li ist heu­te eine Wider­stands­kämp­fe­rin gegen Ras­sis­mus und Into­le­ranz – und auch gegen die Geschichts­ver­ges­sen­heit, die sich in Tei­len der deut­schen Poli­tik aus­zu­brei­ten scheint: Seit das Denk­mal für die im Natio­nal­so­zia­lis­mus ermor­de­ten Sin­ti und Roma Euro­pas durch Bau­plä­ne der Deut­schen Bahn und des Lan­des Ber­lin bedroht ist, erhebt sie immer wie­der ihre Stim­me zu des­sen Ver­tei­di­gung, zuletzt gemein­sam mit Zoni Weisz am 14. Juni, um Noa Kara­van beim Schutz des Ber­li­ner Denk­mals, das ihr Vater geschaf­fen hat, zu unter­stüt­zen. Wer ein Herz oder wenigs­tens his­to­ri­sche Sen­si­bi­li­tät hat, wird auf Zil­lis deut­li­che Appel­le hören und nie­mals eine Beschä­di­gung des Denk­mals dulden.

Als „uner­schüt­ter­li­che Kämp­fe­rin gegen Hass, Aus­gren­zung und Rechts­ex­tre­mis­mus“ wür­dig­te Bun­des­prä­si­dent Frank-Wal­ter Stein­mei­er in sei­nem per­sön­li­chen Brief vom 7. April Zil­li Schmidt. An die­sem Tag woll­te er ihr den Ver­dienst­or­den der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land über­ge­ben. Die Pan­de­mie hat es unmög­lich gemacht, die Zere­mo­nie soll nach­ge­holt werden.

Fast ihre gesam­te Fami­lie, auch ihre vier­jäh­ri­ge Toch­ter Gre­tel wur­de im Holo­caust ermor­det. Zil­li Schmidt ist heu­te eine der Letz­ten, die als Erwach­se­ne den Völ­ker­mord über­lebt hat und davon Zeug­nis able­gen kann. Gebo­ren wur­de sie am 10. Juli 1924 – vor genau 97 Jah­ren. Wie der Bun­des­prä­si­dent wün­schen wir ihr an die­sem Tag Glück und Gesund­heit. Und dass sie noch vie­le Jah­re als Jahr­hun­dert­zeu­gin und Wider­stands­kämp­fe­rin für das ein­tre­ten kann, was ihr am Her­zen liegt. Denn Gott hat mit ihr immer noch etwas vor.

Beitrag erstellt am 09.07.2021

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