Mit der RomnoPower-Kulturwoche feierte der Verband Deutscher Sinti und Roma, Landesverband Baden-Württemberg (VDSR-BW) in diesem Jahr sein 40-jähriges Bestehen. Vom 19. bis 26. September lud der Verband ins Kulturhaus RomnoKher und ins Cinema Quadrat in Mannheim ein. Die Kulturwoche findet jedes Jahr rund um den 20. September statt. An diesem Tag im Jahr 1407 wurden Sinti und Roma im deutschsprachigen Raum zum ersten Mal urkundlich erwähnt.
Wer darf vergessen?
Den Auftakt machte am 19. September das Theaterstück „Mit gefesselten Fäusten” von Rike Reiniger (Regie: Anette Dorothea Weber, Musik: Mike Rausch, Kostüm: Heidi Buehl). Folkert Dücker spielt Hans, der seinen Freund Ruki vergessen will. Er will vergessen, wie sie sich als Kinder kennenlernten, wie Ruki ihn zum Boxen brachte und wie die Nationalsozialisten Ruki erst am Boxen hinderten und dann ermordeten. Das Stück ist an die Geschichte von Johann Wilhelm „Rukeli” Trollmann angelehnt. Er wurde 1933 Deutscher Meister im Halbschwergewicht. Weil er Sinto war, erkannten die Nationalsozialisten ihm den Titel ab. Später ermordeten sie ihn im Konzentrationslager Neuengamme. Wann und wie er starb, ist bis heute nicht geklärt. Das Totenbuch des Lagers nennt den 9. Februar 1943. Ein Mithäftling berichtete dagegen, Trollmann sei 1944 im Außenlager Wittenberge erschlagen worden. Selbst sein Tod ist also nicht verlässlich dokumentiert. Hans im Stück will vergessen. Im Publikumsgespräch nach der Vorstellung wurde deutlich, dass Vergessen für die Nachfahren der Verfolgten keine Möglichkeit ist. Wer hat also das Privileg, vergessen zu können? Diese Frage wirkte lange nach.
Festakt und Rukeli-Trollmann-Preis
Höhepunkt der Woche war der Festakt am 20. September. Vor 40 Jahren nahm der VDSR-BW seine Bürgerrechtsarbeit auf. Seit 2013 hat das Land Baden-Württemberg mit dem Verband einen Staatsvertrag. Der Landtag stimmte ihm einstimmig zu. Der Vertrag verpflichtet das Land, die Minderheit in Kultur, Sprache und Identität zu fördern. Der VDSR-BW vertritt die Sinti und Roma im Land und erfüllt die Aufgaben, die der Staatsvertrag ihm überträgt. Bundesweit gilt diese Partnerschaft zwischen Staat und nationaler Minderheit als Modell.
Landtagspräsident Thomas Strobl, Staatssekretär Rudi Hoogvliet und Dr. Mehmet Daimagüler, von 2022 bis 2025 Antiziganismusbeauftragter der Bundesregierung, sprachen zum Jubiläum.
Staatssekretär Rudi Hoogvliet lieferte historischen Kontext: Er zeichnete nach, wie der Staatsvertrag entstanden ist und was er für die Stellung der Minderheit in Baden-Württemberg bedeutet. Landtagspräsident Thomas Strobl hob die Bedeutung der guten Zusammenarbeit für die Landespolitik hervor und betonte besonders das Polizeibegegnungsprogramm als Beispiel dafür, was gemeinsames Engagement konkret bewirken kann. Dr. Mehmet Daimagüler hielt eine bewegende, persönliche Festrede.
Danach verlieh der Verband den Rukeli-Trollmann-Preis. Mit ihm ehrt der VDSR-BW jedes Jahr Menschen, die sich für Erinnerungskultur, Selbstermächtigung und Solidarität einsetzen. Daniel Strauß, Vorsitzender des VDSR-BW, würdigte alle drei Preisträger*innen mit einer eigenen Laudatio.
Den Preis in der Kategorie Politik erhielt Ministerpräsident a.D. Winfried Kretschmann. Er schloss 2013 den ersten Staatsvertrag zwischen einem Bundesland und einem Landesverband der deutschen Sinti und Roma. Daniel Strauß nannte ihn einen Mann, „dem wir als Verband zu großem Dank verpflichtet sind”. Durch den Staatsvertrag habe die Minderheit in Baden-Württemberg endlich einen garantierten Rechtsstatus erhalten. In seiner Dankesrede erinnerte Kretschmann an Rukeli Trollmann, der dem Rassenwahn der Nazis mit Mut, Friedfertigkeit und Ironie begegnet sei. Und er mahnte: „Die Geister von damals sind leider wieder wach.” Kretschmanns Rede machte aber noch etwas anderes deutlich: wie wichtig es ist, dass Menschen ohne Vorbehalte aufeinander zugehen, einander zuhören und konstruktiv miteinander arbeiten. Die besondere Verbindung zu Daniel Strauß, die in seinen Worten spürbar war, stand dafür beispielhaft.
Anita Awosusi, Autorin und Musikerin, erhielt den Preis in der Kategorie Bürgerrechtsarbeit. Sie war digital aus Karlsruhe zugeschaltet. Über 20 Jahre leitete sie das Referat Dialog im Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg. Sie gehört zu den Bürgerrechtler*innen, die sich für das Berliner Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas eingesetzt haben. „Sie steht für eine Geschichte, die von Verfolgung, aber auch von der Verweigerung geprägt ist, sich unsichtbar zu machen”, sagte Daniel Strauß. Anita Awosusi sieht darin bis heute einen Auftrag für eine demokratische und freiheitliche Zukunft.
Den Preis in der Kategorie Musik nahm Helmut Weiss entgegen. Mit 84 Jahren ist er der letzte lebende Musiker des Quintetts, das er mit seinen Brüdern bildete. Er hat nach dem Zweiten Weltkrieg die musikalische Kultur der Sinti mit aufgebaut und eine Brücke zwischen Tradition und Jazz geschlagen. Bewegt dankte er seinem Vater und seinem früheren Privatlehrer, die ihm das Studium an der Musikhochschule Stuttgart ermöglicht hatten.
Den Abend beschloss das Jermaine Landsberger Trio mit William Brunard am Bass und Guido May am Schlagzeug, mit Jazz, Swing und Gypsy-Melodien.
Starke Frauen, starke Stimmen
Am 22. September erzählten beim Kaminabend Sissy Meinhart und Dayana Wagner aus ihrem bewegten Leben. Beide haben ihren Weg beschritten, trotz Diskriminierung, Mehrfachbelastung und Ausgrenzung. „Starke Stimmen sind nicht immer laut”, hieß es an diesem Abend. „Oft sind es die Stimmen jener Frauen, die trotz allem ihren Weg gegangen sind und dabei anderen Mut gemacht haben.”
Der Abend stand unter dem Zeichen tiefer Hochachtung vor der Lebensleistung und dem Mut, eigene Wege zu gehen. Die Stärke einer Gemeinschaft zeigt sich daran, ob ihre Geschichten gehört werden. Diese hier verdienen mehr Raum, und das Format verdient eine Fortsetzung. Die Veranstaltung fand in Zusammenarbeit mit dem Projekt Starke Stimmen 2.0, der EVZ und RomnoKher statt.
Romani Women on and behind the Camera
Am 24. September zeigte der VDSR-BW im Cinema Quadrat in Kooperation mit The Critical Film & Image Hub an der Forschungsstelle Antiziganismus der Universität Heidelberg ein Kurzfilmprogramm mit Arbeiten von Romani-Filmemacherinnen. Die Filme richteten den Blick konsequent auf die Perspektive von Romani-Frauen auf und hinter der Kamera.
Zu den Gästen des Abends gehörte Lisa Smith, Filmemacherin, Produzentin und Research Associate des Film Hub. Ihr Kurzfilm „The Angry Bird” gewann den Netflix Documentary Talent Fund und war für den Best Short Documentary beim Raindance Film Festival nominiert. Die Filmvorführungen wurden von Dr. Andra Drăghiciu, Wissenschaftliche Mitarbeiterin des Critical Film & Image Hub, moderiert und in einen Zusammenhang eingebettet, der die Darstellung von Romani-Frauen im Film kritisch beleuchtet. Es war ein empowernder Abend, der deutlich machte, wie viel es zu erzählen gibt, wenn Romani-Frauen selbst erzählen. Wir danken The Critical Film & Image Hub für die Zusammenarbeit.
Europäischer Abend: Spanien
Der 25. September gehörte dem Flamenco. Das Trio Daniel de Alcalá, José Primo und Christiano Gitano brachte den Lichthof zum Klingen und das Publikum zum Tanzen. Es war ein Abend voller Energie, mit gutem Essen und einer Stimmung, die noch lange anhielt. Ein schöner Sommerabschluss.
Zirkuskind
Am Nachmittag des 26. September zeigte der VDSR-BW den Dokumentarfilm „Zirkuskind” von Julia Lemke und Anna Koch. Der Film folgt dem Jungen Santino und seiner Familie, die den Circus Arena betreibt. Im Mittelpunkt steht Uropa „Ehe”, einer der letzten großen Zirkusdirektoren Deutschlands, der von Freundschaft, Abschieden und der Verfolgung von Sinti und Roma im Nationalsozialismus erzählt.
Jonathan Mack-Sroka, Projektkoordinator des Critical Film & Image Hub an der Forschungsstelle Antiziganismus der Universität Heidelberg, führte in den Film ein und begleitete die anschließende Diskussion. „Zirkuskind” gilt als Best-Practice-Beispiel für eine Darstellung, die weder romantisiert noch stigmatisiert. Die Vorführung löste eine lebhafte Diskussion aus. Wir danken The Critical Film & Image Hub für die Kooperation.
Love Will Survive
Den Abschluss der Kulturwoche machte am Abend des 26. September die Lesung von Sterna Meinhardt. Ihre Texte gingen unter die Haut. Sie treffen etwas, das viele Menschen aus der Community kennen und fühlen: eine Verbindung, die im Raum spürbar war. Der Gesang von Nadja Berger war besonders berührend. Von Sterna Meinhardt wird man noch hören.
Dank
Eine Woche, sieben Veranstaltungen, viele Begegnungen. Wir danken allen, die dabei waren, die mitgemacht haben, die auf die Bühne gegangen sind und die hinter den Kulissen gearbeitet haben. Unser Dank gilt auch unseren Kooperationspartnern The Critical Film & Image Hub und dem Cinema Quadrat Mannheim.