Ausgangspunkt von Deportationen in den Tod: Stuttgart Nordbahnhof
Ausgangspunkt von Deportationen in den Tod: Stuttgart Nordbahnhof
Erinnerung an Märzdeportationen 1943
Erinnerung an Märzdeportationen 1943
Deutsche Bahn darf unser Denkmal nicht zerstören!
Deutsche Bahn darf unser Denkmal nicht zerstören!

Vor genau 78 Jah­ren, im März 1943, wur­den die noch im Deut­schen Reich leben­den Sin­ti und Roma ver­haf­tet und nach Ausch­witz-Bir­ken­au depor­tiert. Der Weg in den Tod begann in den Zügen der Deut­schen Reichsbahn.

Zum Tag des Geden­kens an die Opfer des Natio­nal­so­zia­lis­mus hat die Deut­sche Bahn, Rechts­nach­fol­ge­rin der Reichs­bahn, zusam­men mit vier wei­te­ren deut­schen Kon­zer­nen – Daim­ler, Deut­sche Bank, Volks­wa­gen und Borus­sia Dort­mund – eine gemein­sa­me Erklä­rung zur his­to­ri­schen Ver­ant­wor­tung die­ser Unter­neh­men im Natio­nal­so­zia­lis­mus veröffentlicht.

Gleich­zei­tig bedroht ein Bau­pro­jekt der Deut­schen Bahn das Denk­mal für die im Natio­nal­so­zia­lis­mus ermor­de­ten Sin­ti und Roma Euro­pas in Ber­lin. Wür­de das Vor­ha­ben wie der­zeit geplant rea­li­siert, wür­de das Denk­mal einen nie mehr wie­der­gut­zu­ma­chen­den Scha­den erleiden.

Aus die­sem Grund hat sich das Akti­ons­bünd­nis „Unser Denk­mal ist unan­tast­bar!“, dem der VDSR-BW ange­hört, mit einem Offe­nen Brief an die Bahn und die ande­ren Kon­zer­ne gewandt. Das Bekennt­nis zur Erin­ne­rungs­kul­tur darf kei­ne PR-Akti­on sein. Aus der his­to­ri­schen Ver­ant­wor­tung müs­sen Taten erfol­gen. Wir haben die Unter­neh­men auf­ge­for­dert, sich nicht an Pro­jek­ten zu betei­li­gen, die der Erin­ne­rungs­kul­tur Scha­den zufü­gen und die Gefüh­le von Holo­caust-Über­le­ben­den und ihren Nach­kom­men verletzen.

Mit­un­ter­zeich­ner neben dem gesam­ten Akti­ons­bünd­nis sind u.a. Bea­te Klars­feld, Sebas­ti­an Krum­bie­gel, Rosa Git­ta Martl, Sora­ya Post, Staats­mi­nis­ter Micha­el Roth MdB, die ehe­ma­li­ge Bun­des­tags­prä­si­den­tin Prof. Dr. Rita Süss­muth und der Holo­caust-Über­le­ben­de Zoni Weisz. Der Ber­li­ner „Tages­spie­gel“ berich­tet heu­te bereits über unse­ren Offe­nen Brief in einem gro­ßen Arti­kel: Tagesspiegel_Bahn_bringt_Erinnerungskultur_in Gefahr

Hier der Offe­ne Brief vom 5. März im Wortlaut:

An
Herrn Ola Käl­le­ni­us, Vor­stands­vor­sit­zen­der der Daim­ler AG und Mer­ce­des Benz AG
Herrn Dr. Richard Lutz, Vor­stands­vor­sit­zen­der der Deut­schen Bahn AG
Herrn Dr. Paul Ach­leit­ner, Vor­sit­zen­der des Auf­sichts­rats der Deut­schen Bank AG,
Herrn Dr. Gun­nar Kili­an, Vor­stand der Volks­wa­gen AG
Herrn Hans-Joa­chim Watz­ke, Geschäfts­füh­rer BV. Borus­sia 09 e.V. Dortmund

Offe­ner Brief
Bedro­hung des Denk­mals für die im Natio­nal­so­zia­lis­mus ermor­de­ten Sin­ti und Roma Europas

Sehr geehr­te Herren,

mit gro­ßer Zustim­mung haben wir Ihre gemein­sa­me Erklä­rung zum Gedenk­tag an die Opfer des Natio­nal­so­zia­lis­mus zur Kennt­nis genom­men, in der Sie sich der his­to­ri­schen Ver­ant­wor­tung Ihrer Unter­neh­men stellen.

Dar­in beto­nen Sie: „Wir enga­gie­ren uns gegen Anti­se­mi­tis­mus und gegen das Ver­ges­sen. Des­halb för­dern wir die Erin­ne­rungs­kul­tur an das im Natio­nal­so­zia­lis­mus von Deut­schen began­ge­ne Mensch­heits­ver­bre­chen gegen Juden und ande­re ver­folg­te Grup­pen. Daher haben wir die gemein­sa­me Arbeits­de­fi­ni­ti­on der IHRA zum Anti­se­mi­tis­mus verabschiedet.“

Sin­ti und Roma sind die größ­te die­ser ande­ren Grup­pen, an denen die Mensch­heits­ver­bre­chen des Natio­nal­so­zia­lis­mus began­gen wur­den. Die IHRA hat auch eine Arbeits­de­fi­ni­ti­on zum Anti­zi­ga­nis­mus ver­ab­schie­det, der Form des Ras­sis­mus, die hin­ter dem Völ­ker­mord an den Sin­ti und Roma stand.

Bun­des­prä­si­dent Roman Her­zog stell­te 1997 fest: „Der Völ­ker­mord an den Sin­ti und Roma ist aus dem glei­chen Motiv des Ras­sen­wahns, mit dem glei­chen Vor­satz und dem glei­chen Wil­len zur plan­mä­ßi­gen und end­gül­ti­gen Ver­nich­tung durch­ge­führt wor­den wie der an den Juden. Sie wur­den im gesam­ten Ein­fluss­be­reich der Natio­nal­so­zia­lis­ten sys­te­ma­tisch und fami­li­en­wei­se vom Klein­kind bis zum Greis ermordet.“

Das sicht­bars­te Zei­chen der Erin­ne­rungs­kul­tur und der his­to­ri­schen Ver­ant­wor­tung unse­res Lan­des sind die von der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land errich­te­ten Denk­mä­ler für die Opfer der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­fol­gung in Ber­lin – das Denk­mal für die ermor­de­ten Juden Euro­pas, das Denk­mal für die im Natio­nal­so­zia­lis­mus ermor­de­ten Sin­ti und Roma Euro­pas, das Denk­mal für die im Natio­nal­so­zia­lis­mus ver­folg­ten Homo­se­xu­el­len und der Gedenk- und Infor­ma­ti­ons­ort für die Opfer der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen „Euthanasie“-Morde.

So sehr wir Ihre Initia­ti­ve und Erklä­rung begrü­ßen, so sehr bedau­ern wir, dass vom Han­deln eines der an Ihrer Erklä­rung betei­lig­ten Unter­neh­men die poten­ti­el­le Gefahr aus­geht, die Erin­ne­rungs­kul­tur der Bun­des­re­pu­blik nach­hal­tig zu beschä­di­gen und Opfer des Holo­caust zutiefst zu verletzen.

Vor genau 78 Jah­ren, im März 1943, wur­den die meis­ten Sin­ti und Roma aus dem Deut­schen Reich nach Ausch­witz-Bir­ken­au depor­tiert. Der Weg in den Tod begann in den Zügen der Deut­schen Reichsbahn.

Ange­sichts der unzäh­li­gen Ermor­de­ten darf ein Bekennt­nis zur his­to­ri­schen Ver­ant­wor­tung kein blo­ßes Lip­pen­be­kennt­nis bleiben.

Die Nach­fol­ge­rin der Deut­schen Reichs­bahn, die Deut­sche Bahn, ist in die­sem Augen­blick an der Vor­be­rei­tung eines vom Land Ber­lin geplan­ten Bau­vor­ha­bens betei­ligt, das die Erin­ne­rungs­kul­tur, die Sie för­dern möch­ten, dau­er­haft beschä­di­gen wür­de. Im Gegen­satz zu anders­lau­ten­den Dar­stel­lun­gen in der Öffent­lich­keit exis­tiert für die­ses Bau­vor­ha­ben, das das Denk­mal für die im Natio­nal­so­zia­lis­mus ermor­de­ten Sin­ti und Roma Euro­pas tan­giert, kei­ne Pla­nungs­va­ri­an­te, die das Denk­mal unbe­schä­digt lässt.

Aus die­sem Grund bit­ten wir Sie alle, Ihrer öffent­li­chen Erklä­rung Taten fol­gen zu las­sen und sich dazu zu ver­pflich­ten, die Teil­nah­me an allen Vor­ha­ben abzu­leh­nen, die die Erin­ne­rungs­kul­tur gefähr­den und Opfer­grup­pen des Holo­caust verletzen.

Für die deut­schen und die euro­päi­schen Sin­ti und Roma ist das Denk­mal in Ber­lin als ein Ort der Trau­er und des Geden­kens unan­tast­bar, umso mehr, als unse­re wäh­rend des Zwei­ten Welt­krie­ges ermor­de­ten Men­schen kein Grab haben. Das Denk­mal ist für vie­le Sin­ti und Roma ein sym­bo­li­sches Grab­mal und das gesam­te Gelän­de ein Ort des Gedenkens.

Wir möch­ten auch dar­auf hin­wei­sen, dass es sich bei dem Denk­mal um ein bedeut­sa­mes Gesamt­kunst­werk des inter­na­tio­nal aner­kann­ten israe­li­schen Künst­lers Dani Kara­van und des Musi­kers Romeo Franz MdEP han­delt. Bei­de Künst­ler haben sich deut­lich gegen jeden Ein­griff in das Denk­mal aus­ge­spro­chen. Dani Kara­van hat sich im Febru­ar 2021 an das Prä­si­di­um des Deut­schen Bun­des­ta­ges gewandt. Auch die Stif­tung Denk­mal für die ermor­de­ten Juden Euro­pas, die das Denk­mal seit sei­ner Eröff­nung 2012 mit gesetz­li­chem Auf­trag betreut, trägt unse­re Hal­tung mit.

Auch eine der­zeit als Kom­pro­miss dis­ku­tier­te Vari­an­te wür­de durch groß­flä­chi­ge Abhol­zun­gen von Bäu­men das Denk­mal als kon­tem­pla­ti­ven Ort, wie er von Dani Kara­van ange­legt wur­de, dau­er­haft zer­stö­ren und das täg­li­che Geden­kri­tu­al, das ein zen­tra­les, auf unun­ter­bro­che­ne Erin­ne­rung ange­leg­tes Ele­ment des Denk­mals dar­stellt, für vie­le Mona­te unmög­lich machen. Das Denk­mal wür­de damit einen nie mehr wie­der­gut­zu­ma­chen­den Scha­den erlei­den. Und den nur noch weni­gen, hoch­be­tag­ten Über­le­ben­den des Völ­ker­mords und ihren Nach­kom­men wür­de unheil­ba­rer Schmerz zuge­fügt und das Ver­trau­en in die Erin­ne­rungs­kul­tur der Bun­des­re­pu­blik genommen.

Um das Denk­mal zu schüt­zen, hat sich im Som­mer 2020 das Akti­ons­bünd­nis „Unser Denk­mal ist unan­tast­bar!“ gebil­det, dem sich zahl­rei­che Orga­ni­sa­tio­nen und Initia­ti­ven aus Deutsch­land und ande­ren euro­päi­schen Län­dern ange­schlos­sen haben. Das Akti­ons­bünd­nis ist bun­des­weit der größ­te Zusam­men­schluss von Selbst­or­ga­ni­sa­tio­nen der Sin­ti und Roma und ver­tritt in die­ser Fra­ge einen gro­ßen Teil der natio­na­len Min­der­heit in Deutsch­land. Dar­über hin­aus hat sich uns eine wach­sen­de Zahl von Unter­stüt­zern aus Zivil­ge­sell­schaft, Medi­en, Wirt­schaft, Kunst, Kul­tur, Enter­tain­ment und Poli­tik angeschlossen.

Wir möch­ten Sie bit­ten, uns kurz­fris­tig die Mög­lich­keit zum Gespräch ein­zu­räu­men, um Sie über die Sach­la­ge zu infor­mie­ren und den Stand­punkt der Opfer­grup­pe zu erläutern.

Mit freund­li­chen Grü­ßen
für das Aktionsbündnis:

Esther Rein­hardt-Ben­del                                                Alex­an­der Diepold

(Spre­che­rin)                                                                       (Spre­cher)

Mitunterzeichner/innen:
Bea­ta Bura­kow­s­ka, Vor­stän­din Rom e.V., Köln
Wil­helm Dra­ex­ler, Refe­rent für Migra­ti­on, Diö­ze­san-Cari­tas-Ver­band Mün­chen
Sami Dze­mai­l­ov­ski, Inter­na­tio­na­ler Kul­tur- und Sport-Ver­ein der Roma Car­men e.V.
Zoh­re Esmaeli, Model, Bot­schaf­te­rin gegen Ras­sis­mus
Tho­mas Gehring, Mit­glied des Baye­ri­schen Land­tags, Vize­prä­si­dent des Baye­ri­schen Land­tags
Prof. Dr. Eliza­be­ta Jonuz, Hoch­schu­le Han­no­ver
Bea­te Klars­feld
Sebas­ti­an Krum­bie­gel, Musi­ker, Bot­schaf­ter gegen Ras­sis­mus
Rosa Git­ta Martl, Schrift­stel­le­rin
Nie­ma Movas­sat, Mit­glied des Deut­schen Bun­des­ta­ges
Tol­ga Özgül, Bun­des­vor­sit­zen­der Genç ASIP – Jun­ge Euro­päi­sche Bür­ger­initia­ti­ve Platt­form
Mari­an Off­mann, Israe­li­ti­sche Kul­tus­ge­mein­de Mün­chen, Stadt­rat a. D.
Sora­ya Post, Mit­glied des Euro­päi­schen Par­la­ments a. D., Schwe­den
Prof. Dr. Nive­di­ta Pra­sad, Ali­ce Salo­mon Hoch­schu­le Ber­lin
Doris Schmitz, Vor­stän­din Rom e.V. Köln
Ferenc Snét­ber­ger, Musi­ker
Fran­ces­co Schu­bert, SPD Rate­kau
Prof. Dr. Rita Süss­muth, Prä­si­den­tin des Deut­schen Bun­des­ta­ges a. D.
Zoni Weisz, Über­le­ben­der des Holo­caust, Zeit­zeu­ge und Autor
Prof. Gert Weiss­kir­chen, Mit­glied des Deut­schen Bun­des­ta­ges a. D.

Das Akti­ons­bünd­nis „Unser Denk­mal ist unan­tast­bar!“ (Stand 28.06.2021):

1. Sin­ti­ve­rein Ostfriesland

ADEFRA collec­ti­ve

Arbeits­kreis Sinti/Roma und Kir­chen in Baden-Württemberg

Bera­tungs­stel­le für gleich­be­rech­tig­te Teil­ha­be von Sin­ti und Roma Mannheim

Eura­si­an Rro­ma­ni Aca­de­mic Net­work, Niederlande

Euro­pean Roma­ni Uni­on, Niederlande

För­der­ver­ein Roma

Freu­den­berg Stiftung

Freun­des­kreis Rei­se­platz e. V.

Freun­des­kreis Sin­ti und Roma Olden­burg e. V.

Geden­kin­itia­ti­ve Mahn­mal Ravens­burg e. V.

Gedenk­stät­te Zwangs­la­ger Ber­lin-Mar­zahn e. V.

Genç ASIP, Karlsruhe

Hil­de­gard Lag­ren­ne Stiftung

Initia­ti­ve Sinti-Roma-Pride

kai­ro­sis gemein­nüt­zi­ge UG

Kom­pe­tenz­stel­le gegen Anti­zi­ga­nis­mus (KogA) der SnG

Lan­des­ver­band der Sin­ti und Roma Rom­noK­her Thü­rin­gen e.V.

Lan­des­ver­band Deut­scher Sin­ti und Roma Ber­lin-Bran­den­burg e. V.

Lern- und Gedenk­ort Hotel Sil­ber e.V.

Les­ben- und Schwu­len­ver­band in Deutschland

Mad­house gGmbH

Maro Dromm Sui-Gene­ris e. V.

Neder­lands Sin­ti Platform

Nie­der­säch­si­sche Bera­tungs­stel­le für Sin­ti und Roma e. V.

Nie­der­säch­si­scher Lan­des­ver­band Deut­scher Sin­ti e. V.

Orhan Gal­jus, Radio Patrin & Radio Patrin News Net­work, Niederlande

Redak­ti­ons­grup­pe No Coun­try and no land, Freiburg

Rom e.V.

Roma­ni­ty e. V., Ganev Radoslav

Rom­noK­her gGmbH

Sin­ti und Roma Mit­tel­we­ser e. V.

Sin­ti-Uni­on Hes­sen e.V.

Stif­tung nie­der­säch­si­sche Gedenk­stät­ten (SnG)

Ver­band Deut­scher Sin­ti und Roma, Lan­des­ver­band Baden-Würt­tem­berg e.V.

Ver­ein für Sin­ti und Roma e.V. Hannover

Ver­ein Roma Ser­vice, Ober­wart, Österreich

Ver­ei­ni­gung der Sin­ti und Roma für Mensch und Rech­te e. V.

Ein­zel­per­so­nen:

Romeo Franz MdEP

Han­nah Neu­mann MdEP

Fik­ri Anil Altin­tas, Schwarz­kopf Stif­tung Jun­ges Europa

Lena Pröt­zel, Pro­gramm­lei­tung, Schwarzkopf-Stiftung

Ner­min Sali

Peter Lan­ger, Euro­päi­sche Donau-Akademie

SPD Wald­hölz­bach, Ste­ve Braun

Brit­ta Koll­berg, Ama­deu Anto­nio Stiftung

Stevan Niko­lic, ECR – Edu­ka­tiv­ni cen­tar Roma Serbien

Mary Bit­tel, Schweiz

Fran­ces­co Schubert

Dimo Franz

Jani­ne Rut­kow­ski, Kreis­vor­stands­mit­glied Die Lin­ke Minden-Lübbecke

Michae­la Saliari-Abdelatif

Prof. Dr. Wil­helm Solms

Beitrag erstellt am 08.03.2021

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