40 JAHRE Verband Deutscher Sinti und Roma - Landesverband Baden Württemberg
40 JAHRE Verband Deutscher Sinti und Roma - Landesverband Baden Württemberg

Die­ser Bei­trag erzählt die Geschich­te des Ver­bands Deut­scher Sin­ti und Roma, Lan­des­ver­band Baden-Würt­tem­berg (VDSR-BW) von 1986 bis 2026. Er ist ein Vor­griff auf eine Bro­schü­re, die bis Ende 2026 aus Anlass sei­nes 40-jäh­ri­gen Ver­band­be­stehens entsteht. 

Erst­mals wur­den Tei­le des Archivs des Lan­des­ver­bands auf­ge­ar­bei­tet und der Öffent­lich­keit zugäng­lich gemacht.

Fünf Kapi­tel — hier in der Zusam­men­fas­sung — fol­gen der Arbeit des Ver­bands in ihren zen­tra­len Fel­dern: der sozia­len Bera­tung, der Bil­dung, der Insti­tu­tio­na­li­sie­rung der Anti­zi­ga­nis­mus­for­schung als einer der stärks­ten Ent­wick­lun­gen im Kampf gegen Anti­zi­ga­nis­mus, der insti­tu­tio­nel­len Ver­an­ke­rung vom Schut­zes der Min­der­heit im Staats­ver­trag sowie deren Empowerment. 

Die Kapi­tel schil­dern dabei nicht allein die gro­ßen Errun­gen­schaf­ten. Sie erzäh­len vor allem deren Vor­ge­schich­te: die oft jah­re­lan­gen Vor­läu­fer, die geschei­ter­ten Anläu­fe und den lan­gen, stei­ni­gen Weg, der jedem Erfolg vor­aus­ging. Erst die­ser Weg macht ver­ständ­lich, wie viel Beharr­lich­keit hin­ter dem steht, was heu­te selbst­ver­ständ­lich erscheint.

Vom Klei­nen ins Gro­ße: Ent­wick­lung der Beratungsstrategien

Vor­ne mit­tig: Hid­leg­ard Lag­ren­ne, Holo­caust Über­le­ben­de und Bür­ger­rechts­ak­ti­vis­tin, auf der Eröff­nungs­fei­er 2006. Im Hin­ter­grund Wil­helm Spind­ler und Sta­del Weiß – ehem. Vor­stands­mit­glie­der des VDSR-BW @VDSR-BW

Die insti­tu­tio­nel­le Geschich­te der Bera­tungs­stel­le begann 1988 mit einem Zuschuss aus dem Titel „Gefähr­de­ten­hil­fe“, der eine umfas­sen­de Bür­ger­rechts­ar­beit noch kate­go­risch aus­schloss. Aus der sozia­len Ein­zel­fall­hil­fe – Ent­schä­di­gungs- und Ren­ten­fra­gen NS-Ver­folg­ter, Exis­tenz­si­che­rung, Woh­nen, auf­ent­halts­recht­li­che Ange­le­gen­hei­ten – ent­wi­ckel­te der Lan­des­ver­band über die Jah­re spe­zia­li­sier­te Arbeits­fel­der in den Berei­chen Arbeit, Gesund­heit, Woh­nen, Anti­zi­ga­nis­mus und Inte­gra­ti­on, jeweils unmit­tel­bar aus der Bera­tung her­aus. Der schie­re Bedarf mach­te früh deut­lich, dass reak­ti­ve Hil­fe nicht genüg­te, son­dern prä­ven­tiv und vor­aus­schau­end gear­bei­tet wer­den muss­te; aus die­ser Ein­sicht ging unter ande­rem 1998 die ers­te Bil­dungs­be­ra­tungs­stel­le Deutsch­lands hervor.

Mit der Zeit gewann das Feld der Inte­gra­ti­on an Gewicht. Es fiel zusam­men mit den Kämp­fen geflüch­te­ter Roma aus dem zer­fal­len­den Jugo­sla­wi­en und der Gewalt, die ihnen ent­ge­gen­schlug – bis hin zu den ras­sis­ti­schen Aus­schrei­tun­gen von Ros­tock-Lich­ten­ha­gen 1992, die sich auch gegen dort unter­ge­brach­te Roma rich­te­ten. Zur Anlauf­stel­le für die alt­ein­ge­ses­se­ne wie für neu zuge­wan­der­te und geflüch­te­te Roma gewor­den, erhielt die Bera­tung mit dem Staats­ver­trag von 2013 erst­mals eine dau­er­haf­te Grund­la­ge: als kon­ti­nu­ier­li­che Ein­rich­tung von der Min­der­heit für die Minderheit.

Ein eigen­stän­di­ger, in Baden-Würt­tem­berg feder­füh­rend vom VDSR-BW vor­an­ge­trie­be­ner Strang war der Schutz der Grab­stät­ten NS-ver­folg­ter Sin­ti und Roma. Den Grä­be­rer­halt hat­te der Ver­band bereits 2013 im Staats­ver­trag als gemein­sa­mes Ziel ver­an­kert und ver­folg­te ihn mit einer zwei­stu­fi­gen Stra­te­gie – zunächst das direk­te Gespräch mit den Kom­mu­nen zur Ände­rung der Fried­hofs­sat­zun­gen, dann eine Auf­fang­lö­sung des Lan­des für die nicht mit­wir­ken­den Kom­mu­nen. Aus die­ser beharr­li­chen Arbeit, in der der Ver­band die betrof­fe­nen Grä­ber erfass­te und Land, Städ­te­tag und Bund zusam­men­führ­te, ging 2018 unter Mit­wir­kung ver­schie­de­ner Akteu­re die bun­des­wei­te Bund-Län­der-Ver­ein­ba­rung zum dau­er­haf­ten Erhalt der Grä­ber hervor.

Die jün­ge­re Ent­wick­lung ver­la­ger­te den Ansatz von der Ein­zel­fall­be­ra­tung auf die Struk­tu­ren selbst. Mit ReFIT ent­stand ein Pilot­pro­jekt, das unter­sucht, war­um gleich­be­rech­tig­te Teil­ha­be schei­tert – zunächst in ein­zel­nen Kom­mu­nen, dann in den gro­ßen Städ­ten Frei­burg, Mann­heim, Stutt­gart und Ulm und schließ­lich in der Flä­che. Der Fokus liegt heu­te auf zuge­wan­der­ten Roma und dar­auf, gera­de auch in länd­li­che Kom­mu­nen hin­ein­zu­wir­ken und sie zu unterstützen.

Seit dem groß­flä­chi­gen rus­si­schen Angriffs­krieg gegen die Ukrai­ne reagier­te der VDSR-BW mit einem eige­nen Unter­stüt­zungs­pro­gramm, INTURO. Weil Roma in der Ukrai­ne beson­ders aus­ge­präg­tem Anti­zi­ga­nis­mus und Aus­schluss aus­ge­setzt sind und sich die Erfah­rung aus den Jugo­sla­wi­en­krie­gen – jahr­zehn­te­lan­ge Dul­dung statt gesi­cher­ter Per­spek­ti­ve – nicht wie­der­ho­len soll­te, arbei­tet der Ver­band hier von Anfang an direkt mit den Insti­tu­tio­nen zusam­men. Dass dies nötig ist, zeig­te sich bei­spiels­wei­se bei der Ankunft der Geflüch­te­ten in Deutsch­land, wo es etwa bei der Deut­schen Bahn und in Flücht­lings­un­ter­künf­ten zu Aus­gren­zung und Segre­ga­ti­on kam.

Bil­dung: Ent­wick­lung zur Säu­le der Bürgerrechtsarbeit

1998 eröff­ne­te der VDSR-BW die ers­te Bil­dungs­be­ra­tungs­stel­le Deutsch­lands für Sin­ti und Roma. Er kämpf­te nicht nur gegen feh­len­de Mit­tel, son­dern gegen die Schwie­rig­keit, den rea­len Bil­dungs­be­fund über­haupt offen anzu­spre­chen, ohne die Betrof­fe­nen dem alten Vor­ur­teil der Bil­dungs­fer­ne auszuliefern.

Schon das Memo­ran­dum von 1979 hat­te gefor­dert, die Ver­fol­gungs­ge­schich­te der Sin­ti und Roma in den Geschichts­un­ter­richt auf­zu­neh­men – aus gutem Grund: Die eige­ne Com­mu­ni­ty lässt sich stär­ken, doch Bil­dungs­we­ge wer­den unter­lau­fen, wenn Lehr­kräf­te anders bewer­ten und der Unter­richt ein ver­zerr­tes Bild von Sin­ti und Roma vermittelt.

Als Sin­ti und Roma 1997 als natio­na­le Min­der­heit aner­kannt wur­den, ver­pflich­te­te sich der Bund for­mal, die Min­der­heit zu för­dern und zu schüt­zen – staat­li­cher­seits geschah zunächst wenig. Begrün­det wur­de das ent­we­der mit feh­len­den belast­ba­ren Daten oder mit der Annah­me, es bestün­den ohne­hin glei­che Chan­cen. Auf­ge­löst wur­de der Wider­spruch erst, als die Min­der­heit die For­schung selbst über­nahm: Mit Rom­noK­her, der Toch­ter­ge­sell­schaft des VDSR-BW, ent­stand 2007 ein eige­ner Trä­ger, um die Daten­lü­cke zu schlie­ßen und gezielt zu unter­su­chen, was erfolg­rei­chen Bil­dungs­we­gen im Weg steht. Die bei­den eige­nen Bil­dungs­stu­di­en (2011, 2021) waren das Ergebnis.

Auf die eige­ne Evi­denz gestützt, schrieb der VDSR-BW die The­ma­tik in den Staats­ver­trag und setz­te durch, dass Baden-Würt­tem­berg sie 2016/2017 als ers­tes Bun­des­land ver­bind­lich in den Bil­dungs­plä­nen etablierte.

Damit war die Auf­ga­be nicht erle­digt, son­dern ver­la­gert: Zwi­schen dem Ein­trag im Bil­dungs­plan und dem Unter­richt klaff­te eine Lücke, weil die Lehr­kräf­te nicht aus­ge­bil­det waren und frei­wil­li­ge Fort­bil­dun­gen unge­nutzt blie­ben. Erst nach beharr­li­cher Erpro­bung und in enger Zusam­men­ar­beit mit der PH Hei­del­berg und dem Kul­tus­mi­nis­te­ri­um ent­stan­den zuneh­mend expli­zit zuge­schnit­te­ne Fort­bil­dungs­in­hal­te, bis hin zum ers­ten per Erlass ange­ord­ne­ten Pflicht­lehr­gang 2023. Die­se Lücke schloss der Ver­band schließ­lich auch selbst, mit dem außer­schu­li­schen Lern­ort Rom­noK­her: Er spe­zia­li­sier­te sich auf den Geschichts­un­ter­richt und band die Ver­mitt­lung eng an die Wis­sen­schaft, um neue Erkennt­nis­se ohne Ver­zug ein­flie­ßen zu las­sen – wich­tig gera­de des­halb, weil Anti­zi­ga­nis­mus erst seit 2017 sys­te­ma­tisch beforscht wird.

Über die Schu­le hin­aus dehn­te sich die Arbeit auf die Aus­bil­dung von Insti­tu­tio­nen aus. 2022 ver­pflich­te­ten sich die Poli­zei­hoch­schu­len des Lan­des, das The­ma Sin­ti und Roma ver­bind­lich zu behan­deln und die lan­ge Geschich­te poli­zei­li­cher Son­de­rer­fas­sung und Depor­ta­ti­on auf­zu­ar­bei­ten; Referent*innen aus der Min­der­heit gestal­ten die­se Fort­bil­dun­gen mit, bau­en dabei eige­ne Hür­den ab und rücken gemein­sa­me Geschich­te und Min­der­hei­ten­rech­te in den Mit­tel­punkt. Wei­te­re Ein­rich­tun­gen wie die Hoch­schu­le der Bun­des­agen­tur für Arbeit grei­fen das The­ma – im Anschluss an die Stu­die über insti­tu­tio­nel­len Ras­sis­mus vom Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­um – auf. Getra­gen wur­de die­ser gesam­te Weg davon, dass der VDSR-BW kon­ti­nu­ier­lich prä­sent blieb und jeden Schritt mit anstieß und ausgestaltete.

Die Insti­tu­tio­na­li­sie­rung der Antiziganismusforschung

Links nach rechts: The­re­sia Bau­er, Minis­te­rin für Wis­sen­schaft, For­schung und Kunst Baden-Würt­tem­berg, Clau­dia Roth, Staats­mi­nis­te­rin für Kul­tur und Medi­en, Frank Reu­ter, Wis­sen­schaft­li­cher Geschäfts­füh­rer der For­schungs­stel­le Anti­zi­ga­nis­mus, 2022. @FSA

Da Anti­zi­ga­nis­mus­for­schung an deut­schen Uni­ver­si­tä­ten kaum prä­sent war, grün­de­ten For­schen­de ver­schie­de­ner Dis­zi­pli­nen 1998 in Mar­burg die Gesell­schaft für Anti­zi­ga­nis­mus­for­schung – unter ihnen Dani­el Strauß als Vor­stands­vor­sit­zen­der der ers­ten Jah­re. 2007 kam mit der Rom­noK­her gGmbH, gegrün­det vom VDSR-BW, der Freu­den­berg Stif­tung und der GfA, ein Trä­ger hin­zu, der die sys­te­ma­ti­sche Erfor­schung des Anti­zi­ga­nis­mus zu sei­ner Auf­ga­be mach­te. Im sel­ben Jahr nahm der ehren­amt­li­che Arbeits­kreis Anti­zi­ga­nis­mus sei­ne Arbeit auf, in dem Hoch­schu­len, Lan­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung und wei­te­re Betei­lig­te über Jah­re hin­weg Ver­an­stal­tun­gen, Mate­ria­li­en und Stra­te­gien ent­wi­ckel­ten und spä­ter den Staats­ver­trag wie die For­schungs­stel­le fach­lich begleiteten.

Poli­ti­sches Gewicht erhielt das Vor­ha­ben durch zwei Ereig­nis­se aus dem Umfeld von Rom­noK­her. Durch das ers­te Inter­na­tio­na­le Sym­po­si­um zu Anti­zi­ga­nis­mus in Euro­pa am 2012 in Mann­heim, wur­de dem The­ma eine hohe poli­ti­sche Bedeu­tung zu Teil. Das Gut­ach­ten „Anti­zi­ga­nis­mus – Zum Stand der For­schung und der Gegen­stra­te­gien” von Mar­kus End (2013), her­aus­ge­ge­ben von Dani­el Strauß, lie­fer­te die Begrün­dung: Weil Anti­zi­ga­nis­mus selbst eine Haupt­ur­sa­che der schlech­ten sozia­len Stel­lung ist, ist sei­ne Erfor­schung Bedin­gung sei­ner Zurück­drän­gung. Dar­aus lei­te­ten sich zwei For­de­run­gen ab – die insti­tu­tio­nel­le Ver­an­ke­rung der For­schung und eine Anti­zi­ga­nis­mus-Kom­mis­si­on im Bun­des­tag (eine Unab­hän­gi­ge Kom­mis­si­on Anti­zi­ga­nis­mus wur­de letzt­end­lich 2019 umgesetzt).

Die recht­li­che Grund­la­ge schuf der ers­te Staats­ver­trag zwi­schen dem VDSR-BW und dem Land 2013, in dem der Ver­band die For­schungs­stel­le als gemein­sa­mes Ziel ein­brach­te, aus­drück­lich ver­bun­den mit der kri­ti­schen Auf­ar­bei­tung der von ras­sis­ti­schen Vor­ur­tei­len gepräg­ten „Zigeu­nerfor­schung”. Der VDSR-BW zog dabei eine bewuss­te Gren­ze: Die Erfor­schung der eige­nen Kul­tur­ge­schich­te soll­te in den Hän­den der Min­der­heit blei­ben, die For­schungs­stel­le dage­gen den Anti­zi­ga­nis­mus als Pro­blem der Mehr­heits­ge­sell­schaft unter­su­chen – um Fremd­ge­schichts­zu­schrei­bun­gen zu ver­mei­den und die Deu­tungs­ho­heit über die eige­ne Geschich­te zu behalten.

Der Weg von der ver­trag­li­chen Zusa­ge zur Ein­rich­tung dau­er­te wei­te­re vier Jah­re. Geplant war zunächst ein „Kom­pe­tenz­zen­trum für Anti­zi­ga­nis­mus­prä­ven­ti­on und ‑for­schung”; zur 2. Sit­zung des Rats für die Ange­le­gen­hei­ten deut­scher Sin­ti und Roma in Baden-Würt­tem­berg 2015 leg­ten drei Hoch­schu­len Posi­ti­ons­pa­pie­re mit deut­lich ver­schie­de­nen Schwer­punk­ten vor – his­to­ri­sche Grund­la­gen­for­schung und Leh­rer­bil­dung, Sozia­le Arbeit und Empower­ment, Arbeits­markt­be­ra­tung. Es folg­te eine dich­te Serie von Gesprä­chen zwi­schen VDSR-BW, Arbeits­kreis und Wis­sen­schafts­mi­nis­te­ri­um, in denen 2015 und 2016 Stand­ort, Finan­zie­rung und Kon­zep­ti­on geklärt wurden.

2017 berich­te­te der Rat, die For­schungs­stel­le sei for­mal ein­ge­rich­tet und mit 190.000 Euro aus­ge­stat­tet; die fei­er­li­che Eröff­nung folg­te am 28. Juli 2017 – in einem Land, in dem es bis dahin weder eine eigen­stän­di­ge For­schungs­stel­le noch einen Lehr­stuhl zu die­sem Gebiet gab. In den Fol­ge­jah­ren stei­ger­te die For­schungs­stel­le ihr Bud­get über Dritt­mit­tel um das Zehn­fa­che und ent­wi­ckel­te mit der „Enzy­klo­pä­die des Völ­ker­mords an Sin­ti und Roma” ein Vor­ha­ben von inter­na­tio­na­ler Reichweite.

Die ursprüng­li­che Kon­zep­ti­on eines Kom­pe­tenz­zen­trums wur­de damit in zwei eigen­stän­di­gen Ein­rich­tun­gen umge­setzt: der For­schungs­stel­le für die Grund­la­gen­for­schung und ab 2018 der Arbeits­stel­le Anti­zi­ga­nis­mus­prä­ven­ti­on an der Päd­ago­gi­schen Hoch­schu­le Hei­del­berg für Bil­dung und Prä­ven­ti­on. Dass insti­tu­tio­nel­le Errun­gen­schaf­ten nicht unum­kehr­bar sind, zeig­te die Auf­lö­sung der Arbeits­stel­le an der PH Hei­del­berg 2026.

Die For­schungs­stel­le ist heu­te ein aner­kann­ter Leucht­turm in der euro­päi­schen Forschungslandschaft.

Der Weg zum Staatsvertrag

Kai­ser Sigis­mund erstell­te 1423 einen Schutz­brief mit Sinti

Sin­ti und Roma sind kei­ne Grup­pe jün­ge­rer Zuwan­de­rung, son­dern eine alt­ein­ge­ses­se­ne Min­der­heit, die seit Jahr­hun­der­ten – lan­ge vor der Grün­dung des deut­schen Natio­nal­staats – auf den deutsch­spra­chi­gen Gebie­ten lebt; Ange­hö­ri­ge dien­ten als Sol­da­ten und Poli­zis­ten. Dass Mobi­li­tät in ihrer Geschich­te eine Rol­le spiel­te, war weni­ger frei gewähl­ter Lebens­stil als Fol­ge von Aus­gren­zung, Ver­trei­bung und wirt­schaft­li­chem Zwang. Zugleich wur­de die lan­ge mobi­le Geschich­te zum Teil des kol­lek­ti­ven Selbst­ver­ständ­nis­ses – das von außen zuge­schrie­be­ne Bild also teils in die eige­ne Iden­ti­tät über­nom­men. Gera­de die­se Unter­schei­dung zu ver­mit­teln – eine auto­chtho­ne Min­der­heit statt einer „Zuwan­de­rungs­grup­pe“, und die Rück­ge­win­nung eines fremd­be­stimm­ten Bil­des –, war die ers­te, oft über­se­he­ne Etap­pe auf dem Weg zum Vertrag.

Die inhalt­li­chen Kern­an­lie­gen lagen früh fest, im Memo­ran­dum von 1979, und einen ers­ten Grund­stein bil­de­te 1995 das Bekennt­nis von dem baden-würt­tem­ber­gi­schen Minis­ter­prä­si­dent Teu­fel, die Ver­fol­gungs­ge­schich­te anzu­er­ken­nen und die Min­der­heit künf­tig umfas­send zu schüt­zen und zu för­dern. Von dort führ­te ein acht­zehn­jäh­ri­ger Aus­hand­lungs­pro­zess über meh­re­re Regie­run­gen hin­weg zum Ver­trag. Der Lan­des­ver­band ori­en­tier­te sich dabei an den bestehen­den Model­len – an der För­de­rung ande­rer natio­na­ler Min­der­hei­ten wie der Dänen in Schles­wig-Hol­stein und der Sor­ben sowie an den Ver­trä­gen mit den Kir­chen und der Israe­li­ti­schen Reli­gi­ons­ge­mein­schaft –, wähl­te aber bewusst einen eige­nen, res­sort­be­zo­ge­nen Weg, der jedes Minis­te­ri­um ein­zeln in die Pflicht nahm, statt einer pau­scha­len Lösung.

Zunächst wähl­te der Lan­des­ver­band bewusst den neu­tra­len Begriff „Ver­trag“ – ihm ging es nicht um den Namen, son­dern um den Gehalt: dass neben der Regie­rung auch der Land­tag und die kom­mu­na­len Spit­zen­ver­bän­de ein­ge­bun­den wür­den und ein gesetz­li­cher Sta­tus ent­stün­de. Erst ganz zuletzt stell­te der Jus­ti­zi­ar des Staats­mi­nis­te­ri­ums fest, es han­de­le sich „fak­tisch“ um einen Staats­ver­trag; auf dem Doku­ment selbst steht bis heu­te nur „Ver­trag“. Genau die­ser Gehalt stell­te die Min­der­heit den Kir­chen gleich – denn ein Staats­ver­trag galt bis dahin als Instru­ment, das nur Gemein­schaf­ten vor­be­hal­ten war, die als dau­er­haft und untrenn­bar zur Gesell­schaft gehö­rend aner­kannt sind.

Über das Land hin­aus wirkt der Ver­trag in zwei Rich­tun­gen: Natio­nal setz­te er einen Maß­stab, an dem sich ande­re Bun­des­län­der und die Bun­des­ebe­ne mes­sen lie­ßen, wäh­rend der pari­tä­tisch besetz­te Rat bis heu­te bun­des­weit ohne Ent­spre­chung blieb. Inter­na­tio­nal wur­de der Staats­ver­trag im Euro­päi­sches Par­la­ment als Vor­bild dafür gewür­digt, wie ein Staat sei­ne natio­na­le Min­der­heit der Sin­ti und Roma ver­bind­lich ein­bin­den kann.

Ging es beim ers­ten Ver­trag (2013) dar­um, die­sen gesetz­li­chen Sta­tus über­haupt zu errei­chen, so ziel­te der zwei­te (2018) auf des­sen lang­fris­ti­ge Siche­rung: Das Erar­bei­te­te und Geschaf­fe­ne soll­te so ver­an­kert wer­den, dass es auch einen Regie­rungs­wech­sel über­steht und nicht ein­fach wie­der ver­schwin­den kann – wes­halb die Lauf­zeit bewusst auf fünf­zehn Jah­re bis 2033 ange­legt wurde.

Selbst­be­haup­tung im Wan­del der Zeit

Vor­der­grund: Dani­el Strauß; Mit­tig: Bun­des­prä­si­dent Joa­chim Gauck; Hin­ten: u.a. Ilo­na Lagre­ne und Roma­ni Rose; 2013. @VDSR-BW

Beitrag erstellt am 08.09.2026

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